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Ichthyosen und verwandte Verhornungsstörungen

Der Begriff Ichthyosen kommt aus dem Griechischen und leitet sich von "Fisch" ab. Daher werden die Ichthyosen gelegentlich als "Fischschuppenerkrankungen" bezeichnet. Diesen Begriff sollte man allerdings besser vermeiden, da die Schuppen von Ichthyose-Betroffenen nicht wie Fischschuppen aussehen. Besser benutzt man den Fachbegriff Ichthyose. Die ersten schriftlichen Berichte über Menschen mit einer Ichthyose liegen aus dem 18. Jahrhundert vor. Natürlich existieren Ichthyosen, seit es Menschen gibt.

Ichthyosen sind eine Gruppe von seltenen, generalisierten, erblichen Verhornungsstörungen. Sie wurden zusammengefasst aufgrund ihrer Erblichkeit und ihrer besonderen Schuppenbildung der gesamten Haut. Miteinbezogen und als verwandte Verhornungsstörungen benannt werden auch die lokalisierten Verhornungsstörungen der Palmoplantarkeratosen oder der Erythrokeratodermien, da ähnliche pathophysiologische und biologische Mechanismen vorliegen, weswegen sie bei NIRK eingeschlossen werden. Insgesamt handelt es sich bei diesen Krankheitsgruppen um ungewöhnliche, seltene Erkrankungen. Ihre Häufigkeit liegt bei etwa 1 : 100 000 Einwohnern. Davon ausgehend kann man annehmen, daß in Deutschland ca. 800 bis 1000 schwer betroffene Patienten klinischer Versorgung bedürfen. Die mild ausgeprägten Ichthyose-Formen (wie z. B. die Ichthyosis vulgaris oder die X-chromosomal gebundene Ichthyose mit einer Prävalenz von 1 : 1000 bzw. 1 : 4000) sind nicht Gegenstand vom NIRK, da sie im Allgemeinen keine massiven Probleme in der klinischen Versorgung darstellen, während die restlichen Ichthyosen und verwandten Verhornungsstörungen zu drastischen Behinderungen, physischen und psychischen Lebensqualitätseinschränkungen führen können.

Ichthyosen lassen sich zunächst in zwei große Gruppen einteilen:

Eine weitere Unterteilung lässt sich danach treffen, ob nur eine Ichthyose vorliegt oder weitere Merkmale (z. B. Haarveränderungen, Bewegungsstörungen, Entwicklungsverzögerungen) bestehen. In diese vier Gruppen (vulgäre Ichthyosen mit und ohne weitere Merkmale, kongenitale Ichthyosen mit und ohne weitere Merkmale) lassen sich alle verschiedenen Formen der Ichthyosen einordnen.

Im Falle der letzteren Einteilung der Ichthyoseformen spricht man auch von sogenannten isolierten Ichthyosen und Verhornungsstörungen, bei denen nur die Haut betroffen ist, im Gegensatz zu komplexen Ichthyosen, bei denen die Hautbeteiligung nur eine von mehreren Erkrankungen einer übergeordneten Krankheit, einem Syndrom ist.

Der Prototyp der isolierten Ichthyosen ist die Gruppe der lamellären Ichthyosen. Bei 35 bis 40 % dieser Patienten konnte eine Mutation im Gen für Transglutaminase-1 gefunden werden. Dieses Enzym spielt eine Schlüsselrolle bei der Bildung des „Cornified Envelope“, einer Membran um die Hornzellen der Hornschicht der Haut. Mutationen führen zu einem Funktionsverlust dieses Enzyms. Mit modernen Methoden lässt sich dies unmittelbar an Hautschnitten im Mikroskop nachweisen. Desweiteren hat man bisher 3 weitere Genloci für lamelläre Ichthyosen gefunden. Ebenso gehören zu den isolierten Ichthyosen die blasenbildenden (epidermolytischen) Ichthyosen wie die bullöse Erythrodermie Typ Brocq (Keratin 1 oder Keratin 10 Defekt), die bullöse Ichthyose Siemens (Keratin 2e Defekt), die annuläre epidermolytische Ichthyose (Keratin 10 Defekt) und als Verhornungsstörung der Handflächen und Fußsohlen die epidermolytische Palmoplantarkeratodermie vom Typ Vörner (Keratin 9-Defekt).

Zu den kombinierten, syndromzugehörigen Ichthyosen und Verhornungsstörungen gehört z. B. das Conradi-Hünermann-Happle-Syndrom als X-chromosomal gebundene Erkrankung, zu deren Symptome Ichthyose, Chrondrodysplasia punctata, Katarakt und Kleinwuchs gehören. Der genetische Defekt dieses Syndroms liegt im Emopamil bindenden Protein, das eine Schlüsselrolle in der Cholesterin-Biosynthese spielt. Ein weiteres X-chromosomal gebundenes Syndrom ist die kongenitale Hemidysplasie mit ichthyosiformem Naevus und Gliedmaßendefekt (CHILD-Syndrom). Der molekulare Defekt besteht im NSDHL-Gen, das eine 3-Beta-Hydroxy-Steroid-Dehydrogenase kodiert.

Es gibt noch viele andere Ichthyosen, was auch aus der langen Diagnose-Liste erkennbar ist.

Ichthyosen sind eine große Gruppe unterschiedlicher Erkrankungen. Die einzelnen Formen sehen unterschiedlich aus, haben einen verschiedenen Verlauf und unterschiedliche Ursachen. Gemeinsam ist allen, dass die eigentliche Ursache für die Erkrankung durch Fehler in den Erbanlagen hervorgerufen wird. Da die einzelnen Ichthyoseerkrankungen, voneinander sehr verschieden sind, liegen natürlich auch unterschiedliche genetische Störungen als Ursache zugrunde. Die defekten Erbanlagen sind bei einigen Ichthyoseformen inzwischen bekannt. Nach den Fehlern der übrigen Ichthyosetypen wird zur Zeit noch gesucht.

Im folgenden werden die wichtigsten verschiedenen Ichthyoseformen kurz beschrieben.

Brigitte.Willis@ukmuenster.de, 04.05.2010